Kinderorthopädie

Das wachsende Skelett ist enorm anpassungsfähig und vermag auch größere Deformitäten zu kompensieren. Andererseits bietet dieses Anpassungsvermögen auch die Chance, sich entwickelnde Deformitäten aufzuhalten oder gar zu beseitigen. Dazu müssen diese Deformitäten zunächst erkannt und von einer harmlosen Normvariante abgegrenzt werden.

Hüftdysplasie

Unter Hüftdysplasie wird die Entwicklungsstörung der kindlichen Hüftpfanne verstanden. Die Ausprägung reicht von einer kleineren Normabweichung mit einer nur geringen Pfannentiefe bis zur Verrenkung des Hüftkopfes aus der Hüftpfanne. Die frühkindlichen Vorsorgeuntersuchungen und insbesondere die vom Orthopäden Prof. Dr. Reinhard Graf entwickelte Ultraschalluntersuchung der Säuglingshüfte (Hüftsonografie) haben schwere Formen in Deutschland beinahe verschwinden lassen.

Frühzeitig erkannt wird der Hüftkopf durch spezielle Apparate ("Spreizhose", "Schienen") in seine anatomische Position gebracht und regt die wachsende Hüftpfanne zum anatomischen Wachstum an ("Nachreifung"). Wird die Dysplasie erst beim Jugendlichen oder Erwachsenen erkannt, lassen sich Schmerzen und Beschwerden durch eine Umstellungsosteotomie lindern. Abhängig von der Form und Kongruenz der Gelenkpartner werden der Oberschenkelknochen und/oder der Hüftknochen operativ durchtrennt und in einer günstigeren Position mit Schrauben, Drähten oder Platten bis zur Knochenheilung fixiert. Die Arthroseentwicklung kann dadurch gehemmt oder aufgehalten werden.

Perthes-Erkrankung

Auf Grund einer Störung der Verknöcherung oder der Durchblutung stirbt ein Teil des Hüftkopfes ab und baut sich im Weiteren wieder auf. Die meist 5- bis 7-jährigen Jungen klagen oft über Knieschmerzen. Manchmal wird auch nur von Dritten über ein auffälliges Gangbild berichtet. Die Erkrankung verläuft über 2-3 Jahre in Stadien, die röntgenologisch und magnetresonanztomografisch (MRT) verfolgt werden.

Therapeutisch muss der Hüftkopf nach vorübergehender Entlastung in der Hüftpfanne zentriert werden ("Containment"). So kann die Hüftpfanne ihren formativen Reiz für den Hüftkopf ausüben, damit beide Gelenkpartner nach der Ausheilung möglichst gut zu einander passen ("Kongruenz"). Dazu müssen die jungen Patienten eine spezielle Beinschiene tragen. Bei älteren Kindern oder bei schlechtem "Containment" wird der Hüftkopf operativ in die Hüftpfanne eingestellt.

Osteochondrosis dissecans

Hierbei stirbt - meist im Kniegelenk - der Knochen in einem kleinen Areal unterhalb des Gelenkknorpels ab und kann sich mit dem Gelenkknorpel ablösen ("Gelenkmaus"). Der freie Gelenkkörper verursacht Einklemmungen. Durch die Unebenheit der Gelenkfläche wird der Gelenkknorpel vorzeitig abgenutzt. Neben örtlichen Durchblutungsstörungen werden anlagebedingte Störungen der Verknöcherung als Ursache angenommen.

Abhängig vom Befund der Magnetresonanztomografie und dem Patientenalter kann sich der erkrankte Knochen durch eine mehrwöchige Entlastung und Ruhigstellung wieder erholen. Anderenfalls muss versucht werden, den sich ablösenden Knochen mit Stäbchen zu fixieren und zur Wiederdurchblutung anzuregen.

Osgood-Schlatter-Erkrankung

Die biomechanische Überlastung (Sprung-, Lauf-, Fußballsport) des noch wachsenden Schien-beinkopfes durch Zug der Kniescheibensehne ruft eine schmerzhafte und überschießende Knochen-bildung im Ansatz der Kniescheibensehne hervor.

Nach mehrwöchiger Schonung heilt die Erkrankung meist folgenlos aus. In hartnäckigen Fällen stört der vorstehende Knochen am vorderen Schienbeinkopf bei knienden Tätigkeiten.

 

Scheuermann-Erkrankung

Die Erkrankung betrifft Jugendliche und ist durch einen ausgeprägten Rundrücken mit "schlechter Haltung" gekennzeichnet. Der Aufbau der Brustwirbelkörper, seltener der der Lendenwirbelköper, ist gestört. Betroffene Wirbelkörper sind vorne niedriger als hinten, so dass die normale nach hinten konvexe Biegung der Brustwirbelsäule verstärkt ist.

Die Therapie ist konservativ und zielt auf die Dehnung der Brustmuskulatur und die Kräftigung der Rückenstreckmuskulatur. Bei ausgeprägtem Rundrücken und vorhandener Wachstumsreserve ist eine Korsettbehandlung zu erwägen.

Skoliose

Die fixierte Seitverbiegung der Wirbelsäule mit begleitender Verdrehung der Wirbelkörper macht die Skoliose aus. Bei der Mehrzahl der Patienten lässt sich keine Ursache eruieren ("idiopathische Skoliose"). Die orthopädische Untersuchung lässt Asymmetrien des Brustkorbes ("Rippenbuckel"), der Lendenwirbelsäule ("Lendenwulst") sowie des Schulter- und Beckengürtels erkennen. Das Ausmaß der Skoliose wird zudem röntgenologisch durch Wirbelsäulenaufnahmen bestimmt, der Verlauf durch röntgenstrahlenfreie optrimetrische Vermessungen kontrolliert.

Da die Wirbelsäule "aus dem Lot" geraten ist, ist mit einer Zunahme der Skoliosewinkel bis zum Wachstumsabschluss und darüber hinaus zu rechnen. Bei geringen Skoliosewinkeln wird physiotherapeutisch behandelt. Bei Winkeln von 20-40° ist eine Korsettbehandlung angezeigt. Das Korsett soll möglichst 24 Stunden am Tag - auch beim Sport - getragen werden. Der Korrektureffekt und der korrekte Sitz des Korsetts wird regelmäßig röntgenologisch kontrolliert. Regelmäßige Krankengymnastik ist notwendig. Bei größeren Skoliosewinkeln raten wir zudem zu einer stationären konservativen Skoliosetherapie.

Übersteigt der Skoliosewinkel 40° und ist mit einer wesentlichen Zunahme zu rechnen, wird eine operative Therapie erörtert. Mit modernen Instrumentierungen kann die Skoliose weitgehend beseitigt werden.

Kindliche Fußdeformitäten

Knickfuß

Beim Knickfuß ist das Fußlängsgewölbe abgeflacht. Der Innenknöchel nähert sich dem Boden an. Der Gang ist etwas "patschig". Die Ursachen sind vielfältig und umfassen eine schwache muskuläre Führung, laxer Kapselbandapparat, Lähmungen und Fehlpositionen der Fußwurzelknochen (Talus verticalis). Die orthopädische Untersuchung mit Ganganalyse und der Röntgenbefund lässt über die ursachengerechte Therapie entscheiden. Meist reicht eine zuwartende Verlaufsbeobachtung. In schweren Fällen werden besondere Einlagen oder Schuhzurichtungen angewendet.

Sichelfuß

Der Vorfuß zeigt mit den Zehen nach innen, sodass der Fuß von oben betrachtet einer Sichel ähnelt. Der Sichelfuß wird meist durch die Lage im Mutterleib hervorgerufen und lässt sich passiv leicht korrigieren. Durch gelernte Behandlung können die Eltern die Fehlform meist bleibend ausgleichen. Hartnäckige Fälle werden mit einer Serie von Gipsen, Schienen und Therapieschuhen behandelt.

Klumpfuß

Der Klumpfuß ist eine schwere, passiv nicht korrigierbare Deformität. Die Fußspitze zeigt nach unten-innen. Ohne Therapie laufen die Patienten auf dem Fußaußenrand. Wird die Diagnose gleich nach der Geburt gestellt, werden korrigierende ("redressierende") Gipsverbände angelegt. Die verbleibende, nicht durch die Gipsbehandlung beseitigte, Deformität wird im Alter von etwa 6 Monaten schließlich operativ gelöst. Gipsverbände halten postoperativ das Korrekturergebnis. Die weitere Behandlung erfordert Physiotherapie, Nachtschienen und bei Laufbeginn Therapieschuhe. Zur frühzeitigen Erkennung eines erneuten Auftretens der Deformität sind orthopädische Kontrolluntersuchungen angezeigt.